Fernand Braudel Center, Binghamton University

http://fbc.binghamton.edu/commentr.htm

 

Kommentare 104,  Jan. 1, 2003

Nordostasien im kommenden Jahrzehnt

 

Während die Aufmerksamkeit der Welt weitgehend auf den Irak konzentriert war, erfuhr eine noch entscheidendere Arena des Weltsystems, Nordostasien, im letzten Jahr außergewöhnlich wichtige Entwicklungen. China wurde Zeuge eines Wachwechsels zugunsten einer etwas jüngeren Generation. Japan erlebte eine langsame und stille Abkehr von den USA, die mit derjenigen Deutschlands einhergeht. Und Korea war der Schauplatz zweier Ereignisse, welche die Lage in der Region und in der Welt zu ändern versprechen.

Nordkorea reagierte auf Präsident [George W.] Bushs harte Linie, die Verhandlungen einzustellen und Nordkorea zur „Achse des Bösen“ zu zählen, indem es zeigte, dass es dieses Spiel ebenfalls beherrscht.  Die nordkoreanische Regierung kündigte nacheinander an, dass sie Massenvernichtungswaffen besitzt, ihren Atomreaktor wieder in Be­trieb nimmt und die nuklearen Überwachungsanlagen der Internationalen Atomenergiebehörde ab­gestellt hat. Zur genau derselben Zeit wählte Südkorea Roh Moo Hyun, den Kandidaten der Millenniumspartei, der sich der Fortsetzung der „Sonnenscheinpolitik“ von Präsident Kim Dae Jung widmet. Es stimmt, dass der Wahlausgang knapp war, aber bis vor kurzem wurde erwartet, dass Roh Moo Hyun gegen einen konservativen Kandidaten verlieren würde, der feindlich gegenüber der „Sonnenscheinpolitik“ eingestellt war. Die Welle Bush-feindlicher Gefühle half zweifellos Roh zu gewinnen, so wie sie früher im Jahr Gerhard Schröder in Deutschland geholfen hatte.

Kurzfristig stellen diese beide Formen des Widerstands gegen die US-Politik einen Rückschlag für Präsident Bush dar. Er denkt vielleicht, dass er sich der koreanischen Probleme annehmen wird, wenn er mit der Lage im Irak abgeschlossen und Saddam Hussein abgesetzt hat. Aber in Wirklichkeit kann er wenig ausrichten. Seine Wahl im Fall Nordkoreas ist, zu verhandeln oder zu kämpfen. Und so wenig wie er verhandeln möchte, ist der Kampf eine gewichtige Option. Zum einen endete der letzte Krieg unentschieden. Und selbst wenn die Weltlage in den 50 Jahren seither politisch und militärisch geändert hat, ist keineswegs sicher, dass die USA es diesmal besser machen würden. Sicher ist, dass ein Krieg die südkoreanische Bevölkerung und die dort stationierten US-Truppen in hohem Maße der Gefahr eines plötzlichen Todes aussetzen würde. Aber wenn Nordkorea die USA an den Verhandlungstisch zwingen kann, wird dies als Demütigung für Präsident Bush angesehen.

Worauf Präsident Bush offenbar zählt, ist dass die Nachbarn Nordkoreas, Südkorea, Japan, China und Russland, die USA dabei unterstützen, Nordkorea vor dem Beginn jeder Verhandlung zur Aufgabe seines Nuklearprogramms zu bringen. Es ist aber unwahrscheinlich, dass die Nachbarn sich allzu sehr anstrengen werden, um den Bush-Plan zu unterstützen, selbst wenn die gerne hätten, dass Nordkorea sein Programm beendet. Und in jedem Fall ist es sehr unwahrscheinlich, dass Nordkorea solchem Druck nachgibt. Wahrscheinlicher ist, dass der Druck der USA zu großen internen Meinungsverschiedenheiten in Südkorea, Japan und China führen wird.

Es wäre ein Fehler, diese Lage nur in Kategorien kurzfristiger Fragen zu diskutieren. Es wäre nützlicher zu betrachten, was die längerfristigen Anliegen der drei historischen Zonen Nordostasiens, China, Korea und Japan, sind und wie die drei Gruppen von Anliegen dieser Zonen zusammenwirken. Chinas Prioritäten scheinen ganz deutlich: das Land zusammenzuhalten, es militärisch zu stärken, seinen Anteil der Weltproduktion zu erhöhen und Taiwan wieder einzugliedern. Darüber hinaus würde ich behaupten, sie in der Reihenfolge der Prioritäten für die chinesischen Regierung aufgezählt zu haben. Auf allen vier Gebieten hat die chinesische Regierung wichtige Fortschritte im letzten Jahrzehnt erzielt und wird wahrscheinlich im kommenden Jahrzehnt weitere Fortschritte verbuchen. Trotzdem, wenn sie mit dem ersten Ziel scheitert, das Land zusammenzuhalten, werden die anderen drei praktisch unerreichbar. Und obwohl die chinesische Regierung auf diesem Gebiet gut abschneidet, weiß sie, dass ihr ständig gefährliche Situationen im Innern drohen.

Für Korea Ð Nord und Süd Ð ist die Wiedervereinigung das wichtigste Thema. Aber Wiedervereinigung zu wessen Bedingungen und zu welchem Preis? Beide Regierungen sind entschlossen, keine grundlegenden politischen Zugeständnisse zu machen, und ohne einige Veränderungen ist eine Wiedervereinigung unmöglich. Wirtschaftlich scheint Nordkorea hoffnungslos vom Zusammenbruch bedroht, während Südkorea bemüht ist, seine verhältnismäßig gute Stellung in der Weltwirtschaft zu erhalten, die vom Rückgang der Weltwirtschaft und den enormen Kosten jeder Form von Wiedervereinigung bedroht ist. Die Erfahrung Deutschlands ist schnell im kollektiven Bewusstsein Südkoreas zur Stelle. Ich nehme an, dass die Südkoreaner, die der „Sonnenscheinpolitik“ anhängen, auf einen nordkoreanischen [Michael] Gorbatschow hoffen können, aber es ist sehr ungewiss, was geschähe, wenn einer auftrete.

Dagegen ist die wichtigste politische Stimmung die in Japan. Dort gibt es absolute Unsicherheit darüber, was zu tun ist, und das Gefühl, am besten gar nichts zu tun oder sehr wenig, wenn man nicht weiß, wo es hingehen soll. Es gibt zwei Hauptzweifel: wie man das Gefühl von weltwirtschaftlicher Dynamik zurückgewinnt, die Japan  in den Siebzigern und Achtzigern zeigte, und ob man eine normale Militärmacht werden soll oder nicht, um so ein teilunabhängiger Akteur auf der Weltbühne zu werden.

In Wirklichkeit können die drei Dilemmata, denen die drei Zonen Nordostasiens gegenüberstehen, nicht getrennt gesehen werden. Sie sind miteinander verstrickt, weil der anhaltende Einfluss Nordostasiens auf der Weltbühne von ihrer Fähigkeit abhängt, wirtschaftlich als eine Region zusammenzukommen und damit ein kooperatives Dreieck auf politischem und militärischem Ge­biet zu bilden. Das heißt nicht nur, dass sie die internen Dilemmata der drei lösen müssen, sondern auch sehr heftige historische Konflikte. Weder Nordkorea noch China haben Japan seine aggressive Politik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verziehen. Japan leidet noch immer unter einem anhaltenden Gefühl kultureller Schuld gegenüber China und sogar Korea; all seine rezenten Erfolge haben sein unausgesprochenes Minderwertigkeitsgefühl noch nicht restlos überwunden. Und China und Korea bleiben einander gegenüber ganz argwöhnisch.

Trotzdem haben die drei Zonen sich gegenseitig einen großen Deal zu bieten. Sie teilen nicht nur die geographische Nachbarschaft, sondern auch ein gemeinsames kulturelle Erbe, das der Art gemeinsamen Erbes nicht unähnlich ist, das die westeuropäischen Länder als ein Mittel der Verbindung nutzen. Doch an erster Stelle steht die aktuelle Geopolitik. In einer Epoche des Niedergangs der US-Hegemonie steht Nordostasien weniger im Wettbewerb mit den USA als mit Westeuropa um den wichtigsten Ort der Kapitalakkumulation im kommenden halben Jahrhundert. In einer Epoche des weltsystemischen Übergangs wird Nordostasien sich nicht behaupten können, wenn es dem Problem der globalen Un­gleichheit und der Forderung des Südens nach einer qualitativ anderen Art von Weltsystem nicht zu Leibe rücken kann. Angesichts beider Probleme, der Orte der Kapitalakkumulation und der Überwindung der Polarisierung des bestehenden Weltsystems, wird Nordostasien nicht in der Lage sein, die Art von Rolle zu spielen, die es offensichtlich spielen will, wenn es nicht in irgendeiner Form zusammenkommt. Und sein Zusammenkommen hängt von der Fähigkeit der drei Zonen ab, ihre augenblicklichen Dilemmata zu lösen und sich dabei gegenseitig zu helfen.

Immanuel Wallerstein

Copyright Immanuel Wallerstein. Alle Rechte vorbehalten. Download, elektronische Weiterleitung, Versand mittels e-mail und Kopie dieses Texts für nichtkommerzielle Internetseiten erlaubt, solange der Essay unverändert bleibt und den Vermerk über das Copyright enthält. Die Übersetzung und die Publikation dieses Texts in gedruckter und/oder anderer Form, inklusive kommerzieller Internetverwertung oder gekürzter Wiedergabe, bedürfen der Zustimmung des Autors. Kontakt: iwaller@binghamton.edu; fax: 1-607-777-4315.

Diese Kommentare erscheinen zweimal monatlich und verstehen sich als Reflektionen über die gegenwärtige Weltlage aus einer längerfristigen, über die Schlagzeilen des Tages hinausreichenden Perspektive.