Fernand Braudel Center, Binghamton University
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Kommentare 159, April 15, 2005
Die katholische Kirche und die Welt
Ein Jahrtausende altes Ritual, neu inszeniert: Ein Papst ist tot, ein neuer bestimmt. Mit Josef Ratzingers Amtsübernahme steht die Fortsetzung des reaktionären Elements der Politik von Johannes Paul II. auf der katholischen Agenda. Grund genug, mit Immanuel Wallerstein danach zu fragen, wie die Kirche sich überhaupt so lange hat halten können, wie sie bislang auf die moderne Welt reagierte und zukünftig reagieren wird und welche Rolle Karol Wojtyla dabei spielte. Hinter das Zweite Vatikanische Konzil, so Wallersteins Bilanz, wird der Katholizismus nicht mehr zurückfallen können.
Die gigantische Beerdigungsfeier für Johannes Paul II. ist ein Ereignis, das auch in historischer Perspektive seinesgleichen sucht. Was die letzten 50 Jahre angeht, war jedenfalls nur die Beerdigung John F. Kennedys im Jahre 1963 annähernd vergleichbar. George W. Bush, Fidel Castro oder Jacques Chirac, israelische wie palästinensische Politiker sowie Kleriker aller weltreligiösen Institutionen feierten den Papst. Die übliche Überschwenglichkeit solcher Veranstaltungen wurde noch um ein Vielfaches übertroffen. Ein Ereignis, das zwangsläufig Reflexionen nach sich zieht: über die Rolle dieses Papstes und über das Papsttum überhaupt und seine Funktion innerhalb der Weltgeschichte. Die katholische Kirche existiert seit fast zweitausend Jahren - kaum einer anderen Institution, egal welcher Art, ist das gelungen. Man denkt unwillkürlich an das dem französischen Diplomaten Talleyrand vielleicht fälschlicherweise zugeschriebene Bonmot: Auf die Frage, was er in den Zeiten der Revolution und des Terrors tat, antwortete Talleyrand: j´ai survécu (ich überlebte).
Von der Christenverfolgung zum Dogma
Die katholische Kirche überlebte innerhalb von zwei
Jahrtausenden in der Tat eine unglaubliche Serie von Transformationen der
Weltsozialstruktur. Wie hat sie das
geschafft? Ich vermute, durch die Aufmerksamkeit für zwei Probleme: das Problem
der Beziehung zu politischen Autoritäten und das Problem des inneren
Zusammenhalts der Kirche. Johannes Paul II. nahm beide Probleme außerordentlich
ernst, und sein ungewöhnlich langes Papsttum (nur ein einziger Papst war je länger
im Amt) war zugleich eine lange Reihe von Interventionen, die diese Probleme
als Ausgangspunkt hatten.
Die Kirche verbrachte, wie wir wissen, ihre ersten drei Jahrhunderte als eine Paria-Gruppe von Gläubigen, heftig verfolgt von den römischen Autoritäten. Mit Beginn des vierten Jahrhunderts konvertierte Kaiser Konstantin zum Christentum, das im Zuge dessen zur offiziellen Religion des Römischen Reiches wurde. Eine der ersten Taten Konstantins war die Einberufung der Rates von Nicaea im Jahr 325. Hier erklärten die Bischöfe den Arianismus (eine theologische Position, die Christus die Göttlichkeit absprach) zur Ketzerei und legten die grundlegende theologische Doktrin der Heiligen Dreieinigkeit fest, der die katholische Kirche seither folgt.
Die Kirche hatte zu jenem Zeitpunkt begonnen, eine streng hierarchische Struktur und ein klar definiertes System von Dogmen aufzubauen. Auf dieser Basis konnte die Kirche überleben, und sie gedieh prächtig bis zum Beginn des modernen Weltsystems im 16. Jahrhundert. Ihre evangelikalen Aktivitäten durchdrangen ganz Europa, gelangten allerdings selten über Europa hinaus. Während dieser ganzen Zeit sicherte die Kirche ihr Fortbestehen vor allem innerhalb politischer Strukturen, die von christlichen Führern regiert wurden. Bei der großen Spaltung zwischen römisch-katholischer und orthodoxer Kirche im 11. Jahrhundert war eines der zentralen Spaltungsthemen die Vorrangstellung des Papstes. Auf der anderen Seite gelang es der Kirche, drohende Häresie immer wieder einzudämmen, indem sie flexible institutionelle Strukturen mit unterschiedlichen Schwerpunkten schuf, allen voran die Struktur der Klöster. Wie die weltlichen Autoritäten rang auch die Kirche mit verschiedenen Herrschern, vor allem mit dem Heiligen Römischen Kaiser, über den Grad der Kontrolle, die die politischen Institutionen über die Kirche ausüben dürfen und umgekehrt. In gewissem Sinn war das Ergebnis dieser Auseinandersetzung ein vager und unklarer Kompromiss über die Aufteilung der Autorität. Dieser Kompromiss löste das Problem auf pragmatischer Ebene, nicht jedoch prinzipiell.
Dies funktionierte recht gut bis zum Beginn der modernen Welt, als die europäischen Staaten anfingen, sich als autonome Strukturen innerhalb einer nun aufkommenden kapitalistischen Weltökonomie zu konstituieren. Die Herausbildung starker Staaten steht mit der Entstehung der protestantischen Kirchen in ihren verschiedenen Formen in Zusammenhang: Alle protestantischen Kirchen lehnten auf irgendeine Weise die hierarchische Autorität des Papstes ab. Zwei Jahrhunderte der religiösen Kämpfe zwischen der katholischen und den protestantischen Kirchen folgten.
Führung im Kampf gegen den Säkularismus
Der Frieden von Augsburg (1555) beendete zunächst diese Kämpfe: cuius regio eius religio (die Religion des Regierenden ist die Religion des Staates). Dieses Prinzip konnte sich im größten europäischen Staat Frankreich jedoch nicht durchsetzen, wo 1598 ein Bürgerkrieg mit dem Edikt von Nantes beendet wurde, das religiöse Toleranz für bedeutsame christliche Minderheiten festschrieb. Das Edikt wurde 1685 zwar wieder aufgehoben, nach der Französischen Revolution jedoch in umfassender Weise erneut eingesetzt. Die Kirche handelte von nun an auf der Basis eines neuen Konzeptes, nämlich des Konzeptes von "Toleranz".
Religiöse Toleranz als Konzept wurde integraler Bestandteil einer noch größeren Doktrin, die als "Aufklärung" bekannt wurde und einen gewaltigen Prozess der Säkularisierung initiierte. In dessen Verlauf wurde eine ganze Reihe moralischer Themen der Verfügungsgewalt der religiösen Autoritäten entzogen, während das Recht auf individuelle Entscheidung in moralischen Fragen an Bedeutung gewann, insbesondere im Bereich der Sexualität und ihrer sozialen Konsequenzen. Die katholische Kirche war keineswegs die einzige religiöse Struktur, die diese Individualisierung der Moralentscheidungen ablehnte, aber innerhalb der europäischen Staaten übernahm sie in der öffentlichen Arena die Führung im Kampf gegen den Säkularismus.
Im 19. Jahrhundert geißelte die Kirche die Verweltlichung
der moralischen Werte als Perversität des Liberalismus, den sie deshalb
verurteilte und bekämpfte. Rückblickend muss man jedoch feststellen, dass dies
ein im großen und ganzen ein verlorener Kampf war. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts legitimieren oder
tolerieren die europäischen Staaten viele der Praktiken, gegen die die Kirche
vorgeht – Scheidung, Geburtenkontrolle, Abtreibung, Homosexualität. Mehr noch,
selbst unter praktizierenden Katholiken verbreiten sich diese Praktiken - und
mit Sicherheit herrscht auch bei Katholiken das Gefühl vor, dass solche
Praktiken auf jeden Fall bei anderen toleriert werden müssen. Darüber hinaus
sieht sich die katholische Kirche genau so wie andere religiöse Strukturen mit
einem ernst zu nehmenden Rückgang der priesterlichen Berufungen und der
Besucherzahlen bei Gottesdiensten konfrontiert.
Einbruch der Moderne in die Kirche
Auf der anderen Seite ist die katholische Kirche inzwischen keine europäische Institution mehr. Parallel zur Herausbildung einer europäisch dominierten kapitalistischen Weltökonomie vollzog sich im 20. Jahrhundert in den nichteuropäischen Zonen der Welt ein bemerkenswerter Prozess der Evangelisierung. Eine hohe Zahl von Konversionen in Verbindung mit höheren Geburtenraten außerhalb Europas machte aus einer Institution mit überwiegend europäischen Mitgliedern zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Kirche, in der im Jahr 2000 die Europäer zur Minderheit geworden sind.
Das von Papst Johannes XXIII. 1962 zusammengerufene Zweite Vatikanische Konzil suchte nach einer Antwort auf die veränderte soziale Umwelt, in der die Kirche im 20. Jahrhundert existierte. Johannes XXIII. sprach sich für ein aggiornamento, für eine Erneuerung der Kirche aus. Dabei ging es um Veränderungen in der Liturgie, die die Macht des Lateinischen schwächen sollten und um die Einberufung einer bischöflichen Synode, die die Führung der Kirche unterstützen und auf diesem Wege die Vertikalität der kirchlichen Struktur entschärfen sollte. Die Bedeutung der Ökumene wurde hervorgehoben und antisemitische Elemente der kirchlichen Lehre beseitigt.
Das Herz des Zweiten Vatikanischen Konzils, so, wie es die Katholiken selbst verstanden, war der bewusste Versuch der Kirche, mit der modernen Welt übereinzukommen. Und genau das lehnten die konservativeren Katholiken am aggiornamento ab. Sie sahen darin die Abkehr von der Essenz des Glaubens. Diese Position verhärtete sich noch, als es so aussah, dass die Kirche das Konzept der Befreiungstheologie akzeptieren würde. In dieser vor allem in Lateinamerika vorangetriebenen Strömung engagierten sich kirchliche Prälaten und Theologen in politischen Bewegungen, die für irdische Gerechtigkeit eintraten, und im Zuge dessen in akute Opposition zu den staatlichen Autoritäten gerieten.
Als Johannes Paul II. Papst wurde, zielte er auf die Korrektur all jener Entscheidungen, die aus seiner Sicht einen schwerwiegenden Verstoß gegen die traditionelle kirchliche Doktrin bedeuteten. Er betonte die Zentralität der päpstlichen Autorität und wandte sich kategorisch gegen die Theologie der Befreiung. Vor allem bekräftigte er die strengstmögliche traditionell-kirchliche Sicht auf Sexualität: Er lehnte die Idee der Priesterehe und des weiblichen Priesteramtes ab, verurteilte die Abtreibung und alle sonstigen Diskussionen über Sexualität. Er wurde zum Weltführer der religiösen Reaktion auf den Triumph der Säkularisierung und der Individualisierung moralischer Praktiken.
Woityla unterm Mantel der Geschichte
Was das Problem der Beziehungen zur politischen Macht angeht, setzte Johannes Paul II. auf die Wiedererlangung einer zentristischen Position: also niemals volle Opposition gegenüber irgendeiner staatlichen Autorität und niemals volle Unterstützung. Natürlich liegt zwischen diesen Extremen eine ganze Reihe von Möglichkeiten. Auf der einen Seite verbot der Papst das priesterliche Engagement in radikalen Bewegungen, auf der anderen kritisierte er den Neoliberalismus und verurteilte beide Kriege gegen den Irak. Seine Rolle während des Zusammenbruchs des Kommunismus in Osteuropa wurde oft genug betont. Und in der Tat gibt es keinerlei Zweifel darüber, dass er diese Rolle spielte, insbesondere in seinem Geburtsland Polen. Aber zur Demontage der kommunistischen Regime in Osteuropa wäre es auch ohne ihn gekommen. Er engagierte sich für eine breite Ökumene und entschuldigte sich öffentlich für die historischen Irrtümer und Fehltaten, die die katholische Kirche gegen andere christlichen Kirchen, gegen Juden und Moslems begangen hatte. Gegen das wiederum, was strukturelle christliche Ökumene genannt werden könnte, also eine Wiedervereinigung der verschiedenen christlichen Kirchen, setzte er sich allerdings ausdrücklich zur Wehr.
Wo also steht die Kirche heute in Bezug auf die eingangs genannten zwei historischen Probleme, das Problem der Beziehung zu politischen Autoritäten und das Problem des inneren Zusammenhalts der Kirche? Letztlich tat Johannes Paul II. nichts, was in der Geschichte der Beziehung von Kirche und Staat wirklich neu gewesen wäre. Zweifellos ist es ihm nicht gelungen, den Bedeutungsverlust der Kirche aufzuhalten, nicht einmal in überwiegend katholischen Ländern. Seine Politik in Bezug auf den Staat war traditionell-pragmatisch.
Mit Nachdruck stärkte er die hierarchische Struktur der Kirche und ihre Sicht auf Sexualität. Aber das hat weder die Veränderung der realen sexuellen Praktiken von Katholiken, noch den Rückgang der priesterlichen Berufungen und der kirchlichen Besucherzahlen verhindern können. Manche meinen, diese Entwicklungen würden durch die Stärkung der Kirche in den nicht-europäischen Ländern kompensiert. Das mag so sein, aber genauso gut ist es möglich, dass die Säkularisierung der Kirche sich auch auf diese Regionen ausdehnt. Unwahrscheinlich, dass man im Jahr 2050 Johannes Paul II. rückblickend einen ähnlich nachhaltigen Einfluss auf die Kirche zuschreibt wie Johannes XXIII. Das aggiornamento scheint unumkehrbar.
Immanuel Wallerstein
Übersetzung aus dem Englischen: Frauke Banse.
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