Fernand Braudel Center, Binghamton University

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183, Apr. 15, 2006

"Attack Iran: Can They Be Serious?"

Der Messias-Komplex



Das Gerede über einen militärischen Angriff der USA gegen den Iran sei im Wesentlichen Getöse, behaupte ich seit einiger Zeit. Denn ein solcher Angriff wäre aus Sicht der USA völlig irrational, und die Führung der Streitkräfte lehnt ihn vehement ab. Doch nun schrieb der Enthüllungsjournalist Seymour Hersh im Magazin «The New Yorker» über die Befürchtungen der US-Militärführung, dass Präsident George Bush einen Angriff tatsächlich ins Auge fasst. Schlimmer noch: Bush schliesse angesichts der militärischen Einwände nicht aus, taktische Atomwaffen einzusetzen, um tief in die Bunker eindringen zu können, in denen Nuklearanlagen untergebracht sind.
Der Präsident reagierte sofort. Das seien «wilde Spekulationen». Und der britische Aussenminister Jack Straw sagte, ein Angriff gegen den Iran sei «unvorstellbar» und Pläne für einen Atomwaffeneinsatz seien «völliger Quatsch».
Wem sollen wir glauben? Hersh pflegt seit langem Beziehungen zu hohen Figuren im Militär (und beim Geheimdienst CIA), und er hat oft Dinge enthüllt, die sich als wahr herausstellten. George Bush hingegen ist schlecht beleumdet, wenn es um die Wahrheit geht. Und auch Jack Straw steht kaum besser da. Also doch mehr als Getöse?
Warum ein Angriff aus Sicht der USA irrational wäre, ist klar. Derzeit scheint das US-Militär nicht einmal in der Lage, das zu tun, was die USA in Afghanistan und im Irak eigentlich tun möchten. Ein Angriff gegen den Iran würde das Militär noch weiter beanspruchen - vielleicht zu weit. Ausserdem sind die iranischen Verteidigungsanlagen - soweit bekannt - so gut gebaut und geographisch verteilt, dass kein noch so massiver Luftschlag sie völlig eliminieren könnte. Die iranischen Pläne würden allenfalls verzögert.
Dazu kommt die iranische Antwort.
Zwar kann der Iran noch nicht eigene Atombomben einsetzen. Doch der iranische Einfluss im Irak und in Afghanistan ist gross. Das könnte das dortige Chaos noch vergrössern. Und der Iran hätte die Solidarität der muslimischen Welt. Ganz sicher aber würde ein Angriff gegen den Iran andere potenzielle Atommächte nicht einschüchtern. Im Gegenteil: Sie würden ihre Atompläne so schnell wie möglich verwirklichen. Nicht zu vergessen ist auch das Erdöl. Würden die Lieferungen aus dem Iran ausfallen, stiegen die Ölpreise von derzeit rund siebzig auf hundert US-Dollar. Das hätte unvorhersehbare negative Folgen für die Weltwirtschaft, nicht zuletzt auch für die US-Wirtschaft. Und schliesslich sind die Folgen für die Stellung der USA in der Welt zu bedenken. Kurz: Warum sollten die USA nach einer dreijährigen Quasi-Katastrophe alles noch verschlimmern?
Dennoch scheinen hohe US-Militärs zutiefst beunruhigt. Laut Hersh erwägen die Joint Chiefs of Staff, die höchsten Militärs also, Präsident Bush in einem formellen Brief von einem nuklearen Angriff abzuraten. Und eine ganze Reihe pensionierter Generäle, die im Irak waren, fordern öffentlich den Rücktritt von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Dass das genau jetzt geschieht, kann kein Zufall sein.
Was fürchten diese Offiziere? Hersh liefert eine Erklärung. Sie glauben, dass Bush einen «messianischen» Komplex hat. Menschen mit einem solchen Komplex sind gefährlich, vor allem, wenn sie Atomwaffen in ihren Händen haben und die stärkste Militärmaschine der Welt kontrollieren. Doch was immer mit Bush los ist - es geht auch um die Motive seiner Umgebung, der MilitaristInnen und neokonservativen Intellektuellen. Was können die sich einreden, das alle Argumente gegen eine Militärintervention widerlegt? Zum einen haben sie nichts zu verlieren. Wenn die USA nicht eingreifen, wird der Iran wohl wirklich einmal Atomwaffen besitzen.
Und das würde den US-Einfluss in der Region zweifellos mindern. Aber ist das ein Armageddon wert?
Einige dürften auch in engen Wahlkampfkategorien denken. Ein gut getimter Angriff könnte die Zustimmung zu Bush vorübergehend steigern und für einen republikanischen Sieg in der Kongresswahl in diesem Jahr sorgen. Dadurch wäre auch ein Amtsenthebungsverfahren gegen Bush ausgeschlossen.
Und dann gibt es noch Israel. Die israelische Regierung und ihre FreundInnen in den USA haben schon lange einen Luftangriff angedroht. Dass ein israelischer Angriff noch weniger Aussicht auf Erfolg hätte als einer der USA, bedeutet nur, dass sie umso mehr versuchen, die USA dazu zu bewegen. Die Verteidigung Israels ist schliesslich ein prioritäres Anliegen der USA und besonders des Bush-Regimes. Aber warum ist man in Israel so besorgt? Glaubt man tatsächlich, der Iran werde Israel bombardieren? Kaum. Aber die Israelis glauben zu Recht, dass, wenn Israel nicht die stärkste Militärmacht im Nahen Osten ist, auch die politische Macht schwindet.
Also: Werden die USA angreifen oder nicht? In der Regel siegt bei politischen Entscheidungen die Rationalität. Aber nicht immer. Und vielleicht haben manche Leute nicht nur einen messianischen Komplex, sondern einen Samson-Komplex.

Immanuel Wallerstein

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